Von Maklerhaien & Kifferkommunen.
Februar 26th, 2012 § 2 Kommentare
Die
Wohnungssuche in Hamburg ist so eine Angelegenheit,
eigentlich eine bekannterweise meist sehr delikate.
Zu wenig vorhandener Wohnraum,
überdurchschnittliche Mietpreise
für teils unterdurchschnittliche schauderhafte Wohnqualität
und mit zusätzlich exorbitanten Courtageforderungen.
Es ist keine Seltenheit,
dass man sich bei öffentlichen Wohnungsbesichtigungen,
mit 100 anderen durch ein paar Quadratmeter quetscht.
Man legt mehr Daten brach als bei Facebook,
füllt Zettel um Zettel aus,
hinterlässt Einkommensbescheide,
im besten Fall weder Hunde- noch Kinderhaare,
und hofft auf GutGlück! bleibt trotzdem eine Nummer von vielen.
Gesichterter Arbeitsplatz, durchschnittliches Gehalt,
kein Kind/Hund, keine offensichtlichen psychischen Defizite normal.
Wie soll man sich auch gross abheben ohne unangenehm aufzufallen.
Möchte man nicht gerade in Stadtteile ziehen die
a) am Arsch der Zeit vorbei liegen
b) im Besitz von HSV-Fans sind
oder c) Frauen, alleine, bei Einbruch der Dunkelheit
mindestens über einen Selbstverteidigungskurs
für Fortgeschrittene verfügen sollten,
so bleibt nichts anderes als sich auf eine langwierige,
nervenzehrende Suche einzustellen.
Einfacher wird es sucht man nur ein Zimmer.
Eine WG! dachte ich & über meinem Kopf tat sich eine Glühbirne auf.
So hatte man jetzt auch nur 20qm und überhaupt:
wolle man nicht einmal im Leben so cool sein,
in einer dreckig siffigen WG-Küche sitzen
und mit Halbstarken über den Sinn des Lebens philosophieren?!
Noch den Enkeln von wilden Geschichten erzählen?!
Morgens an der Kaffeemaschine
den nackten 1-Night-Stands deiner Mitbewohner begegnen
und Milch im Gemeinschaftskühlschrank zu Joghurt züchten?!
To be hipsterlike, das war der Plan.
Im Idealfall in Kombination mit männlichen Mitbewohnern,
der Einfachheit und des mangelnden Zickenkriegs wegen.
Zentral, dem Lebensmittelpunkt bevorzugt St.Pauli
und nicht über 450,- per Monat.
Direkt nach der |Ankunft auf heimischen Boden| begann das Projekt:
Suche WG-Platz, biete meine Wenigkeit.
Immerhin gab es einen Mietvertrag der zum 31.03. ausläuft
und die Zeit war -in Anbetracht der Suche nach nur einem Zimmer- gut,
aber dennoch fast schon knapp bemessen.
Nach knapp einer Woche und 3 Nachrichten
in einem Zimmergesucht-Portal in den Welten des Internetz:
2 fixe Besuchstermine.
1. Besichtigung.
Ein Mann knapp 40 sucht Mitbewohner.
2er-WG, zwischen Schulterblatt und St.Pauli, 16qm, 380,- warm.
16qm sind doch grösser als gedacht denke ich,
nachdem ich inmitten eines leeren Zimmers stehe.
Der Wohnungsinhaber wirkt leicht eingeschüchtert,
er hat mich nachgeordert.
‘Eigentlich wollte ich mich schon entscheiden,
aber die Art wie du mich angeschrieben hast,
hatte mein Interesse geweckt.’ sagt er,
als er mich in die Küche führt.
Eine Küche die im Durchschnitt dem entspricht,
wie man sich eine Männer-Single-Küche vorstellt:
kaum als solche erkennbar.
Er erzählt kurz über die Wohngegend und erwähnt,
dass es am Wochenende teils etwas lauter werden könnte
-die Wohnung liegt in einer direkten Verbindungsstrasse
zwischen Kiez & Schanze,
den 2 großen Ausgehvierteln Hamburgs-
‘Kein Problem…’ sage ich,
‘…mein Freund wohnt nahezu auf der Reeperbahn,
ein wildes nächtliches Treiben ist mit somit vertraut.’
Ich ahnen bei dem Wort Freund
eine leichte Enttäuschung in seinem Gesicht wahrzunehmen.
Die Wohnung normal, ein Gewerkschaftsbau wie so oft in Hamburg:
Quadratisch im Grundschnitt, hellgrüne Fliesen aus den 70igern.
Nach 5 Minuten ist das Spektakel vorbei.
Ich verabschiede mich, zähle nochmal meine Eckdaten auf
und sage, er solle sich einfach bei mir melden,
wenn ich dem entspreche was er sich vorstellt.
Am nächsten Morgen fällt mir ein:
ich hatte keine Telefonnummer hinterlassen.
2. Besichtigung:
Geplante 3er-WG, Kiez, 20qm, 390,- warm.
Die Wohnung liegt im 6ten Stock eines Altbaus,
schon beim Besteigen der gefühlten 500 Stufen denke ich:
Nicht schlecht, gewichtsreduzierend,
jedoch schlecht für all die Helfer meines Umzugs.
Schonmal einen unauseinanderbaubaren Vollholzschrank,
3 Billy Regale und 10 Bücherkisten in den 6. Stock getragen?
Ich klingele man begrüsst mich freundlich.
Ich begrüsse freundlich zurück
und vergesse im Sympathiegedanken den harten Aufstieg.
Christian, knapp Mitte 20,
Concierge in einem der berühmtesten Hotels in Hamburg,
sucht 2 neue Mitbewohner.
Er führt mich ins Esszimmer, dort sitzt bereits ein 2ter Mann.
Ich hatte es fast geahnt,
die Lage & der Preis sprachen für ein Gruppencasting.
Andi, der 2te Bewerber (Student aus Berlin)
erzählt Anekdoten seiner WG-Suche,
ich hingegen brüste mich mit meinem Ausschnitt Beruf
und dem damit verbundenen Sozialverständnis.
Wieder ein Wohnungsrundgang, ein Glas Wasser.
Christian notiert Telefonnummern und ich vermeide es
-aufgrund der Vorerfahrung- meinen Freund zu erwähnen.
Er sagt er melde sich am Abend, spätestens am nächsten Tag.
Irgendwann an diesem Tag,
das Wochenende nach unserer Rückreise,
erhalte ich eine SMS einer Freundin,
anbei die Nummer einer Bekannten.
‘Meld dich bei ihr.’ schreibt meine Freundin
und verweist auf eine bald leere Wohnung.
Ich hader, denn eigentlich war das nicht das Ziel.
Freiheit aufgeben, sich wieder abhängig machen.
Abhängig von Kündigungsfristen, Strom, Wasser und Kabelanschluss.
Eigene 50qm die über Tage, Wochen, Monate zu viele Dinge anhäufen.
Dinge die schwer machen,
wenn die Leichtigkeit erneut dazu drängen sollte,
alles verändern zu wollen.
Andererseits, eine eigene Wohnung,
zentral in der Lage und kaum teurer als ein WG-Zimmer?!
Es gibts nichts zu verlieren. denke ich,
kontaktiere erst die Bekannte, 2 Tage später den Vermieter.
Eine Woche später unterschreibe ich den neuen Mietvertrag.
Pünktlich zum Jubiläum ’1 Jahr Hamburg’ in 4 Wochen,
werden nun also erst Kisten gepackt, dann geschleppt.
Somit kann ich die erste |Hürde| des Jahres 2012
erfolgreich von der Liste streichen und endlich richtig ankommen.
Von den beiden Mitbewohnersuchern hab ich übrigens
bis zum heutigen Tag nichts mehr gehört
und somit hab ich meine geplante Hipsterkarriere,
schon vor dem eigentlichen Beginn, wieder an den Nagel gehängt.
Wenn man bedenkt wie lange manche in dieser Stadt -teils über Monate-
nach einer ordentlichen und vor allem bezahlbaren Wohnung suchen,
muss ich mich fast schämen, wenn ich erzähle,
das meine Suche nichtmal 2 Wochen Aufwand, 3 Besuchstermine,
keine einzige Massenbesichtigung und keinen Cent Courtage ‘kostete’.
Ich kam ungewollt zu Wohnraum, wie andere zum Kind.
Gegen Glück kann man sich scheinbar nicht wehren.
Und ja: wir freuen uns. Trotzdem.
Ich also zukünftig ein Altona-Altstadtkind.
4 Minuten Gehweg zur Reeperbahn, 7 zum Nerdmännchen.
Spottend günstig. Badewanne, Balkon, Keller inklusive.
Ein 6er im Lotto im großen Scheisshaufen der Immobilienhölle Hamburgs.
Glückwunsch!
Ich muss wohl irgendwann aus meiner Wohnung rausgeheiratet wesen.. :o)
Danke, danke.
Vorerst auch hier -hoffentlich- die Endstation.